Der Wildbach
Der Wildbach, der neben dem Tuchwerk entlang fließt, war ein wichtiger Bestandteil der vorindustriellen, gewerblichen Geschichte der Soers, aber auch der späteren Industrie-betriebe, die aus ehemaligen Wassermühlen-Standorten hervorgegangen sind. Das Wasser des Wildbachs diente dabei als Energieträger (Wasserkraft zum Antrieb der Mühlräder), sodann mit seinem geringen Härtegrad als Brauchwasser in der Färberei und Tuch-veredelung und fungierte schließlich als preiswerte Möglichkeit der Abwasserentsorgung.
Der Wildbach entspringt in Seffent („Siebenquellen“) und fließt dann durch Laurensberg und durch die Soers, bis er bei der Abwasser-Reinigungsanlage in die Wurm mündet. Der wasserreiche und „wilde“ Bach war in früheren Zeiten von großer Bedeutung für die Mühlen, die hier einst standen. Im 16./17. Jahrhundert war die Wasserkraft des Wildbach zunächst für die Messingverarbeitung („Kupfermühlen“) attraktiv, später für die Nadelindustrie (Nadelpoliermühlen) und zuletzt für die Tuchindustrie, insbesondere für Spinnereien und Färbereien.
Die zuverlässig hohe Wasserführung war für die Ansiedlung der genannten Gewerbe besonders förderlich. Einst gab es entlang des Wildbachs sieben Mühlen: Von Seffent aus fließt der Wildbach in Richtung Laurensberg, wo er zunächst die Obere und Untere Schurzelter Mühle antrieb. Hinter dem heutigen Bahndamm versorgte er die Wildbacher Mühle, durchquert den Ortsteil Laurensberg und erreicht am Ortsrand die Rahe-Mühle, etwas später die Schleifmühle. Von hier aus führt er zur Stockheider Mühle. Als letzte Mühle trieb er die Soerser Mühle an, wonach er in die Wurm mündet. Von der Quelle bis zur Wurm beträgt die Länge 5,3 km.
Aufsatz „Textilgewerbe in Laurensberg und der Soers – die industrielle Nutzung des Wildbachs“ von Jochen Buhren, in: Dietmar Kottmann: Laurensberger Heimatblätter Heft 11/12 (2020/2021).- Aachen 2021)Die Stockheider Mühle lässt sich bis ins 13. Jahrhundert zurückverfolgen. Lange Zeit war sie eine Kupfermühle, danach fungierte sie als Nadelpoliermühle („Schauermühle“) und ab 1899 diente sie schließlich als Färberei und später als Appretur (Veredelung von Textilien) der Firma Rzehak. Ab 1969 waren die Gebäude am Wildbach im Besitz der Tuchfabrik Wilhelm Becker KG, einer der letzten großen Tuchfabriken Aachens, die hier die Färberei und Ausrüstung bis 1983 betrieb.
Zeitweilig gab es bis zu sechs Färbereien am Wildbach, die ihr Abwasser weitestgehend ungeklärt in den Wildbach leiteten und so zu einer gewaltigen Verschmutzung des Baches beitrugen. Noch in den frühen 1980er-Jahren färbte der Wildbach sich regelmäßig in allen erdenklichen Farben, so dass es mit dem wachsenden Bewusstsein für die ökologischen Schäden durch Chemikalien zu Protesten von Umweltschützern kam und sich auch das Ökologie-Zentrum mit dem Thema Bachökologie zu beschäftigen begann. Mit dem Ende der Textilindustrie am Wildbach in der Mitte der 1980er-Jahre endeten auch die Einleitungen von Schmutzwasser. Heute ist der Wildbach ein sauberer und zum Teil auch romantischer Bachlauf, an dem ein schöner Wanderweg, gesäumt von Wiesen und Kopfweiden, entlang führt.
Neben dem Bachlauf sieht man heute noch den früheren Mühlengraben, der an einer am Oberlauf liegenden Wehranlage Bachwasser zum großen Stauteich der Stockheider Mühle ableitete. Dieser alte Mühlengraben an der anderen Seite des Tuchwerks wird nicht mehr geflutet und verlandet deshalb zusehends. Ein schöner Wanderweg führt zudem vom Tuchwerk am Wildbach entlang bis zur Soerser Mühle, wo bis 1988 die Kratzentuchfabrik Satorius Spinnereikratzen produzierte. Auf diesem Wegstück sieht man beeindruckende Fraßspuren von Bibern, die sich hier niedergelassen haben. In der anderen Richtung gelangt man auf einem Wanderweg entlang des Mühlgrabens und dann über eine kleine Brücke wieder am Wildbach entlang zur Rütscher Straße und von dort aus weiter Richtung Laurensberg.