Leben im Schutzraum
Aus dem Gedächtnisprotokoll der Gisela Wetzler. Sie war Verlobte des Aacheners Josef Felser, mit 20 Jahren in Russland gefallen. Es geht um die Zeit im Bunker und in den letzten Wochen der Kriegshandlungen in Aachen im Herbst 1944
"Wir getrauten uns kaum noch zum Vorschein, einige Mutige, die in Bunkernähe wohnten, konnten es sich leisten, nach Hause zu laufen und etwas zu kochen. Wir dagegen waren darauf angewiesen auch schon, weil zu Hause ja doch alles zerstört war, die Zeit von Brot zu leben, was wir tageweise auch wiederum in Bunkernähe von verständnisvollen Bäckern, die trotz der Gefahr bereit uns nicht ganz im Stich zu lassen, kaufen konnten. Einige Male sind wir morgens, wenn der Tag noch nicht angebrochen war und meistens noch kein Beschuss war, nach Hause gelaufen, um an den Häuserreihen vorbei und haben uns gründlich gewaschen und gleichzeitig etwas Eingemachtes zum Verzehren mit zum Bunker genommen. Es hatten sich inzwischen auch Männer gefunden, sich bereit erklärten und hinaus fuhren zum Stadtrand und Milch, Butter, Käse und sogar Wurst besorgen, was dann alles im Bunker verkauft wurde. Das war dann ein Schlangestehen ohne Ende.
Da wir so gänzlich verlassen waren und glaubten, bald nicht mehr zu Deutschland zu gehören, hatten sich namhafte Männer der Stadt zusammengetan und einen Ausschuss gebildet, der für Ruhe und Ordnung unter der Bevölkerung sorgen sollte, da gewisse Elemente, die sich immer und zu allen Zeiten finden, leerstehende Geschäfte ausgeplündert hatten. Während dieser Zeit nun kamen fast jeden Tag Parteimitglieder, die sich bereits vorher in Sicherheit gebracht hatten und forderten uns auf mit ihnen zu fahren. Sie brächten uns in Omnibussen an den Zug. Dass das vergebliche Mühe war, ist wohl leicht erklärlich. Dafür waren die Leute viel zu sehr erbost und zu oft vergebens zu den Bahnhöfen gegangen. Diese Beauftragten wurden immer wieder unter Schimpfen und ohne dass jemand mitfuhr davongejagt. So schickte man uns schließlich Parteibeauftragte aus Köln, die jedoch auch unverrichteter Dinge wieder abziehen mussten, bis der 16. 9. kam. Es war Sonntagmorgen und Aufregungen hatte es in den letzten Tagen immer gegeben. Da erschien gegen acht Uhr eine ganze Reihe Polizisten mit aufgepflanztem Gewehr und forderte die sofortige Räumung des Bunkers. Gegen diese Gewaltmaßnahme gab es kein Sträuben mehr, sie gingen nicht von der Stelle bis auch der Letzte aus dem Bunker verschwunden war.
Nach ihren Angaben sollten die Bunker gesprengt werden, eh sie den Feindtruppen in die Hände fielen. Außerdem wurde uns prophezeit, dass wir uns unmöglich in den Kellern aufhalten konnten, bei der bevorstehen Steigerung des Kampfes. Trotzdem gingen noch sehr viele Leute nach Hause. Da wir doch kein Heim mehr hatten, schlossen wir uns denen an die wegfuhren. Ein Omnibus brachte uns bis Maria Grobe und dort stand heute aber wirklich ein Sonderzug für uns bereit. Gegen halb 12 saßen wir schon im Zug und halb 4 fuhren wir ab. Von dort aus konnten wir nun noch ein schweres Bombardement auf Aachen erleben und fürchteten minütlich, dass Tiefflieger unseren Zug angreifen würden, was aber Gott sei Dank nicht geschah."
